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Photo by Salvatore D'Angelo, www.morning-wood.org |
Stefan: Wie hat Dein Amtsjahr als Mr. Gay Schweiz ausgesehen? Was waren die Höhepunkte?
Was war nicht so toll daran?
Ricco: Mein Amtsjahr als Mr.Gay ist eine
Herausförderung und es ist hart, immer alles durchstehen zu können. Doch als
Schwuler und Gehörleser musste ich früh lernen zu kämpfen und selbstbewusst zu
sein. Mein höchster Höhenpunkt war, dass ich enorm viele Anfragen aus dem
Ausland hatte und habe. Die Tatsache, dass ich als erster Gehörloser weltweit
einen Mister Titel geholt habe, hat das Interesse an mir nicht nur
in der
Schweiz sondern auch im Ausland zusätzlich verstärkt. Zusammen mit Amanda Lepore
auf der Bühne stehen durfte, und mit ihr auch Auftritte in den USA zu machen
war toll. Sehr freue ich mich auch auf meinen Besuch in Kurt Aeschbachers
Talkshow am 3. Dezember. Damit geht ein weiterer Traum in Erfüllung. Durch
meinen grossen Erfolg merkte ich jedoch auch, wer meine waren Freunde sind und
dass es immer auch Neider und falsche Leute gibt. Doch man muss auch mit
falschen Gerüchten und Kritik umgehen können. Geschockt war ich während den
Wahlen in Oslo. Dort gab es trotz hartem und intensivem Programm jeden Tag nur
Salat zum Mittagessen. Das hat auf mein Selbstbewusstsein geschlagen und ich
habe mich wie eine Magermodel gefühlt während der Mr.Gay Europe Wahl in Oslo.
Anders als in der Schweiz, wo es eher darum geht, ein Botschafter für die
Schwulen zu sein und sich auf politischer und sozialer Ebene für eine positives
Gay-Image einzusetzen, geht es bei den Mr.Gay Wahlen im Ausland hauptsächlich um
Beauty.
Kommt auf einen Mr. Gay Schweiz so viel zu wie zum
Beispiel auf einen Mister oder eine Miss Schweiz in ihrem Amtsjahr?
Als ich mich mit den anderen Kandidaten in
Oslo verglichen habe, sah ich schon, dass Mister & Miss Wahlen in der
Schweiz einen viel höheren Stellenwert haben als im Ausland und dass sich auch
die internationalen Medien viel mehr für mich interessierten als für andere.
Zudem hat es mich auf gefreut, dass die norwegische Community der gehörlosen
Gays mich voll unterstützt hat. Also im Vergleich mit den Mr.Gays aus dem
Ausland sind das Engagement und die Medienpräsenz hierzulande viel höher.
Gleichzeitig ist es aber so, dass der Titel Mr.Gay natürlich niemals so stark
kommerzialisiert ist wie die Titel Mr. & Miss Schweiz. Gays sind nun mal
eine Randgruppe und viele Firmen haben noch nicht den Mut, mit dem Mr.Gay zu
werben und sich ein gayfriendly Image aufzubauen. Viele Sponsoren haben noch
nicht verstanden, dass Gays eine interessante Zielgruppe sind. Doch beim Titel
Mr.Gay geht es auch weniger darum – viel wichtiger ist es, etwas für die wahre
Gleichstellung der Gays zu erreichen.
Du wurdest als erster
Schweizer zum Mr. Gay International gekürt. Wir gratulieren und sind stolz, dass
Du unser kleines Land international repräsentierst. Wie fühltest Du Dich, als Du
zum Sieger gekrönt wurdest?
Es war ein unglaublich emotionaler und
ergreifender Moment. Ich war tief gerührt, zitterte am ganzen Körper und hatte
Tränen in den Augen. Es war schliesslich das erste Mal überhaupt, dass ein
internationaler Mister oder Miss Titel in die Schweiz verliehen wurde. Dank
diesem Titel kann ich nicht nur in der Schweiz viel für die Gays bewirken,
sondern auch im Ausland, wo die Diskriminierung oft viel schlimmer ist. Auch den
Gehörlosen kann ich so international eine Stimme geben.
Was erwartet Dich nun als Mr. Gay International? Gehst Du
auf „Welttournee“?
Ich habe bisher noch keinen Agenten dafür
gefunden, versuche jedoch selbständig von verschiedenen Firmen Aufträge zu
kriegen. Ab und zu werde ich aus New York angefragt für eine Fotossession. Im
Januar bin ich in England eingeladen. Es gibt viele Länder, die mich dabei haben
wollen, doch manchmal bin ich für sie zu teuer, um mich zu Buchen oder die
nationalen Organisationen können sich die Reisespesen nicht leisten. Das finde
ich sehr schade. Die Weltweite Präsenz findet deshalb vor allem in den Medien
statt – mit Interviews oder Fotostrecken.
Wie
hat dein Umfeld auf die Titel reagiert? Und wie die Leute in Deinem Heimatdorf?
Sie sind sehr glücklich darüber, dass ich
gewonnen habe und können heute immer noch nicht fassen dass ich die 2 Titeln
geholt habe für die Schweiz und sind sehr stolz darauf. Sogar die kleinen
Lokalblättchen, die wohl kaum je über das Thema Gay geschrieben haben
(geschweige denn positiv), haben mich stolz auf die Titelseite gehievt und
seitenweise über mich geschrieben. Sehr positiv also. Oft höre ich auch, dass
die schwulen Männer sehr stolz auf mich sind, weil ich der richtige und wahre
Mister Gay bin, welcher für alle steht und offen für alle ist. Gerade in
ländlichen Gegenden, wo die Gay-Meiden nicht hinkommen, bewirkt das sehr viel.
Die Leute gehen viel offener mit dem Thema um und die Schwulen, die viellfach
versteckt lebten, entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. Nicht einfach hingegen
war es für meine Mutter, weil sie immer wieder damit konfrontiert wurde. Wenn
sie einkaufen ging, zeigen die Leute mit dem Finger auf sie. Diese Sitution war
neu für sie gewesen, doch mit der Zeit hat sie sich daran gewöhnt. Also
insgesamt wird alles sehr positiv aufgenommen und ich habe abgesehen von der
Sache mit der Familienlobby an der Europride nie etwas Negatives
erlebt.
Was
bedeuten Dir selber die beiden Titel? Und, zurückblickend, würdest Du Dich
nochmals anmelden?
Die Titel sind mein Verdienst, wofür ich
mein Leben lang gekämpft habe, das ist eine Art Anerkennung! Ich bin glaub ich
dafür geboren. Ob ich mich wieder nochmals anmelden mag, kann ich nicht sagen.
Es ist eine lehrreiche und spannende Sache mit vielen Chancen. Aber es ist auch
hart, immer in der Öffentlichkeit zu stehen und immer mit Argus-Augen beobachtet
zu werden.
Du bist gehörlos. Für die Wahlen war das
offenbar kein Nachteil. Wie sieht es damit sonst in Deinem Leben aus? Wie gehst
Du damit um?
Ja ich bin auch erstaunt darüber dass es
kein Nachteil war. Die Vorbehalte gegenüber Gehörlosen sind in der Schweiz gross
und es wird zu wenig getan. Am Anfang konnte ich mit meinem Ruhm, den ich
zurzeit erlange, nicht umgehen, es war alles komplett neu für mich. In einer
Nacht ist alles anders geworden. Ich fühlte mich plötzlich alleine, musste oft
weinen, weil ich es komisch gefunden habe, wildfremde Menschen treffen zu
müssen, und dadurch auch auf viele falsche Leute gestossen bin. Aber mit der Zeit habe ich
mich daran gewöhnt und damit gelebt, dass ich, wenn ich auf Partys gehe, in
einem Glaushaus stecke und die Leute zu mir herauf schauen. Das gibt mir heute
den Adrenalinkick, weiterhin an mir zu arbeiten. Jetzt geniesse ich das wirklich
und tue das gerne!
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Wie ist es in der Szene, wie reagieren
die Leute auf Deine Gehörlosigkeit?
Die einen findet es toll, dass ich es
geschafft habe und sind mächtig stolz auf mich, auch weil ich am Boden geblieben
bin. Jazzmin Dian Moore hat mir mal gesagt, dass es eine Gabe ist, und das hat
mich gerührt! Die Leute sind auch nicht mehr gehemmt dadurch, und reden oft
und
gerne mit mir. Und andre
sind wohl auch Neider, weil sie mir das Wasser nicht reichen können – z.B. ein
Kandidat aus der Wahl kann heute immer noch nicht verarbeiten, dass ich ihn aus
dem Rennen geschlagen habe!
Konntest Du während Deines
Amtsjahres auf die Anliegen der Gehörlosen aufmerksam machen? Und was sind Eure
Anliegen?
Ja, ich repräsentiere 2 Minderheiten
zeitgleichzig: Die Gemeinschaft der Gehörlosen sowie die Gay-Community - und es
hat funktioniert. Die Leuten wissen nun wie der Gehörlose wirkt und was die
Gehörlosen brauchen. Ich bin nur am aufklären, wie man mit den Gehörlosen
umgehen sollte. Und zeige, dass sie genau gleich wie wir sind. Nur hören können
sie nun mal nicht. Dabei sind sie aber viel schlauer, als man denkt. Unser
Anliegen ist, dass die Gebärdensprache, die wirklich unsere Muttersprache ist,
als Landessprache anerkannt wird und es zum Beispiel am Fernsehen mehr Sendungen
mit Untertiteln gibt usw. Eine wichtige Erkenntnis aus den Mr.Gay Wahlen sollte
sein, dass die Schweiz nicht vier, sondern 5 Landessprachen
hat.
Du bist frisch verliebt. Wer ist der Glückliche?
Naja, wer will schon mit einem Mister Gay
eine Beziehung führen :-). Daher: kein Kommentar!
Dein
Amtsjahr ist bald zu Ende. Was wirst Du danach tun, was sind Deine
Zukunftspläne?
Es
ist noch nicht vorbei – erst am 27. März 2010 übergebe ich den Titel meinem
Nachfolger. International gesehen diene ich für die Schweiz noch bis im Juni als Botschafter
und bin ein Repräsentant der Schweiz in der Welt. Jedoch habe ich viele
Zukunftspläne: Ich bin in Verhandlungen mit einem Buchverlag,
wo
ich eine Biografie über
mein Leben als Gehörloser und die Diskriminierung, die ich erlebt habe,
veröffentlichen werde. Und ich werde mich fortan auf meine Karriere als
Fashion-Photographer konzentrieren, siehe meine Homepage: http://the-rimus.com.
Nebenbei werde ich weiterhin Modeln und vielleicht die Uni in New York besuchen
– das steht noch offen!